Zum Vogelzug

Von Ueli Huber (Vorstandsmitglied NVVEH)

Der Sommer ist noch lange nicht an seinem Ende angekommen, da beginnen schon viele Zugvögel, sich auf die grosse Reise in den Süden vorzubereiten. Einer der ersten ist der Kuckuck. Der hat ja sein Brutgeschäft erfolgreich einer Wirtsfamilie überlassen. Er braucht daher nicht zu warten, bis die Jungen flügge sind und kann früh abreisen. Er verlässt die Schweiz schon ab Mitte Juli. Die Jungen folgen selbständig nach: eine erstaunliche Leistung, und es ist bis heute nicht vollständig geklärt, wo bei den Vögeln die Kenntnis vom Ziel herrührt und wie die Navigation genau funktioniert.

 

Löffelente (Bild Ueli Huber)
Löffelente (Bild Ueli Huber)

 

Es gibt keine typischen Zugvogelarten: die Stockente ist in der Schweiz ein Stand- oder Jah-resvogel (d.h. sie bleibt ganzjährig hier), die Schnatterente fliegt nach Westeuropa und die Löffelente (Bild rechts) bis ins tropische Afrika. Der Mäusebussard ist ein Standvogel, der Schwarzmilan fliegt im Herbst nach Afrika, der Rotmilan ist ein Opportunist, d.h. er geht erst dann, wenn es ihm wirklich zu kalt wird hier, und meist nur bis Spanien. 

Weissstorch (Bild Ueli Huber)
Weissstorch (Bild Ueli Huber)

Ähnlich ist es auch beim Storch: Längst nicht mehr alle Weissstörche (Bild links) ziehen in den Süden. So trifft man etwa bei der Station Silberweide am oberen Greifensee oder im Kaltbrunner Riet praktisch immer auch im Winter Störche an. Dies ist eine Erscheinung der Klimaerwärmung. Und von den sieben Spechtarten, die es in der Schweiz gibt, zieht nur eine: der Wendehals (den man vom Aussehen her ohnehin nicht als Specht erkennen würde).

Auch die Grösse des Vogels ist nicht ausschlaggebend. Die kleinsten Zugvögel sind das Sommer- und das Wintergoldhähnchen, die kleinsten Vögel überhaupt, die in der Schweiz vorkommen (ihr Gewicht entspricht dem von einem bis zwei Stück Würfelzucker). Sie verlassen die Schweiz ebenfalls schon früh, nämlich ab Mitte August (Sommergoldhähnchen) und ab September (Wintergoldhähnchen). Von letzterem zieht aber nicht die ganze Population, ein Teil bleibt hier und kann im Winter beim emsigen Futtersuchen beobachtet werden, oft in Nadelbäumen. Es sind v.a. die jungen Vögel, die wegziehen. Auf der anderen Seite des Spektrums steht der Weissstorch, wie erwähnt heute ebenfalls nur ein Teilzieher (d.h. dass ein Teil der Population hierbleibt).

Graugänse im Flug (Bild Ueli Huber)
Graugänse im Flug (Bild Ueli Huber)

 

Und dann sind da natürlich noch die Gänse, z.B. die Graugans (Bild rechts). Ihr Zugverhalten ist vielen von uns seit Kindsbeinen bekannt aus der berühmten Geschichte des Nils Holgersson von Selma Lagerlöff. Auch die Graugans ist heute bei uns ein Teilzieher. Sie brütet z.T. bei uns und längst nicht mehr alle Tiere ziehen im Herbst in den Süden. Daneben sehen wir sie hin und wieder auch als Wintergäste oder Durchzügler.

Die Verschiedenheit der Zugvögel erfordert verschiedene Zugstrategien. Wenn z.B. Singvögel vor allem mit eigener Flügelkraft vorwärtskommen, funktioniert dies für die Greifvögel und den Storch nicht. Diese Vögel nutzen die Thermik aus, von der sie sich hochtreiben lassen, um dann im möglichst flachen Sinkflug vorwärts zu gleiten. Die Alpen sind ein Haupthindernis auf dem Weg in den Süden, ein anderes ist das Mittelmeer. Für Greifvögel ist das Überqueren von Wasser schwierig, da dort wenig Thermik vorkommt. Sie suchen daher die engste Passage. Wenn man im Frühherbst in Tarifa (bei Gibraltar) auf einem der Aussichtspunkte steht, sieht man sie bestimmt vorbeikommen, die Sperber, Schwarzmilane, Zwergadler, Schlangenadler, Schmutzgeier, Gänsegeier usw. An dieser Stelle ist die Meerenge von Gibraltar am engsten, nur etwa 15km breit, also ideal für die Überquerung. Es gibt aber auch in der Schweiz Orte, wo sich der Zug der Greifvögel gut beobachten lässt, z.B. am Col de Bretolet im Wallis und am Hahnenmoospass ob Adelboden.

 

Man darf sich unter dem Zug nach Süden nicht unbedingt eine einzige, ununterbrochene Flugreise vorstellen. Die Vögel haben auch hier verschiedene Strategien entwickelt, die sie anwenden, um in mehr oder weniger langen Etappen in ihr Winterquartier zu reisen. Singvögel z.B. ziehen meist in kurzen Etappen, während viele Watvögel Langstrecken bevorzugen. Wichtig ist für die Vögel, sich vor den Haupthindernissen einen grossen Energievorrat anzufressen. So können gewisse Vögel ihr Gewicht praktisch verdoppeln, bevor sie losziehen, und oft kommen sie regelrecht ausgemergelt an ihrem Ziel an. Schlechtwetter führt zu einem Zugstau. Die Vögel harren dann an einem geeigneten Rastplatz aus, bis das Wetter ein Weiterfliegen erlaubt. Das ist eine gute Gelegenheit, Vogelarten anzutreffen, die sonst in der Schweiz nicht vorkommen. Und vielleicht haben Sie auch schon einen der riesigen Starenschwärme beobachten können, die sich hier und im Norden besammeln, bevor sie nach Süden ziehen. Wenn sie sich auf einer Wiese niederlassen, ist vom Grün nichts mehr zu sehen, nur noch ein schwarzes «Vogelmeer».

Zilpzalp (Bild Ueli Huber)
Zilpzalp (Bild Ueli Huber)

Wo liegen denn nun diese Ziele? Das kommt ganz auf den Vogel an, und auch hier lässt sich nicht wirklich eine Kategorisierung vornehmen. Der Zilpzalp (Bild links) ist ein Kurzstreckenzieher, das heisst er zieht nach Spanien oder nach Nordafrika.

Der zur gleichen Familie gehörende Fitis (Bild unten) hingegen ist ein Langstreckenzieher, d.h. er überquert die Sahara und überwintert im südlichen Afrika. Auch das Überfliegen der Sahara ist natürlich eine grosse Herausforderung. Viele Vögel suchen sich hier tagsüber ein Schattenplätzchen, auch wenn sie dort nicht unbedingt Nahrung für den Weiterflug finden. Sie weichen der Hitze aus und fliegen ab Eintreten der Dämmerung weiter.

 

Fitis (Bild Ueli Huber)
Fitis (Bild Ueli Huber)

 

Neben den Standvögeln und den Kurz- und Langstreckenziehern gibt es noch eine weitere Art von Zugvögeln: die Vertikalzieher. Sie legen im Frühling und im Herbst nicht Distanz zurück, sondern Höhenmeter. Der Bergpieper gehört dazu. Er verbringt den Sommer in den Bergen und kommt für die kalte Jahreszeit ins Mittelland hinunter.
Ein Wort noch zu den Flugrouten. Die Wetterbedingungen sind im Frühling und im Herbst nicht dieselben – und selbst wenn, die Reise wird ja in unterschiedlichen Richtungen unternommen, da können selbst identische klimatische Bedingungen ungünstig sein. Oft unterscheiden sich daher die Zugrouten im Frühling und im Herbst deutlich. Deshalb können auch Vogelarten wie das Blaukehlchen mit etwas Glück im Frühling bei ihrem Zug in den Norden bei uns beobachtet werden, aber weniger im Herbst, wenn sie nach Süden ziehen. Die Schwarzstörche hingegen, ebenfalls seltene Gäste, sieht man eher im Herbst, wenn sie südwärts fliegen.

Rotkehlchen (Bild Ueli Huber)
Rotkehlchen (Bild Ueli Huber)

Gibt es auch den Zug aus dem Norden in die Schweiz und in benachbarte Gebiete? Ja – das Rotkehlchen (Bild links) zum Beispiel ist ein Teilzieher, d.h. viele (aber nicht alle) unserer Rotkehlchen ziehen im Herbst nach Süden, während wir Zuzug aus dem Norden erhalten. Viele der Rotkehlchen an den Futterplätzen dürften Wintergäste sein. Und auf den grösseren Gewässern, z.B. dem Bodensee und auch bei Stein am Rhein, treffen wir im Winter auf viele Wasservögel aus dem Norden, die auf der Suche nach offenem Wasser hier überwintern. So kann z.B. im Ermatinger Becken im Winter oft der Singschwan beobachtet werden. Und am Damm, der zur Insel Reichenau führt, sind regelmässig riesige Kolonien von Kolbenenten zu beobachten. Aber auch unsere heimischen Stockenten erhalten Zuzug, v.a. aus dem Nordosten. Und den Raubwürger, der zur gleichen Familie gehört wie der bei uns brütende Neuntöter, sieht man bei uns nur im Winter.

Stare (Bild Ueli Huber)
Stare (Bild Ueli Huber)

 

Also – halten Sie Ausschau! Die Starenschwärme (Bild rechts) werden Ihnen bestimmt auffallen, aber vielleicht entdecken Sie auch einmal einen Schwarzstorch auf seiner Reise nach Süden oder einen seltenen Wasservogel, der hier Zwischenhalt macht oder sein Winterquartier bezogen hat.
Auskunft darüber, was gerade wo gesehen wurde, gibt übrigens auch www.ornitho.ch.

Und schliesslich: Sie fragen sich sicherlich, wer nun eigentlich den Distanzrekord hält. Das ist die Küstenseeschwalbe, die jährlich von der Arktis in die Antarktis fliegt und wieder zurück, was 50’000km oder mehr entspricht – wahrlich eine stolze Leistung!


Ueli Huber

 

 

 

 

Quellen:

Bruderer Bruno, Vogelzug Eine schweizerische Perspektive; Der Ornithologische Beobachter Beiheft 12, 2017
Gerber Michael, BirdLife-Lehrgang Feldornithologie, Zürich 2016
Singer Detlef, Was fliegt denn da? Kosmos-Naturführer, Stuttgart 2016
Svensson Lars, Mullarney Killian, Zetterström Dan, Der Kosmos Vogelführer – App-Ausgabe 2020